Vorwort

Helmut Altner wurde zwei Tage nach seinem siebzehnten Geburtstag zum Wehrdienst eingezogen, um in den letzten Wochen des Unterganges des »Dritten Reiches« an der Oderfront und in Berlin zu kämpfen. Seine hauptsächlich aus Angehörigen des Jahrgangs 1928 bestehende Einheit wurde knapp hinter der Front ausgebildet und erlitt bei den Kämpfen während der sowjetischen Hauptoffensive an der Oder und beim Rückzug nach Berlin schwere Verluste. Sie wurde bei den anschließenden Häuser- und Straßenkämpfen in Spandau, im Westteil der Hauptstadt um den Hochbunker am Zoo, bei den Kämpfen in den U-Bahntunneln und um die Kaserne Ruhleben und beim Reichssportfeld bis auf zwei Siebzehnjährige vollständig aufgerieben.

Am frühen Morgen des Tages, an dem Berlin kapitulierte, nahm Altner am Ausbruch der letzten deutschen Truppen Richtung Westen teil, der zu einem regelrechten Blutbad unter Soldaten und Zivilisten führte. Am Abend des 3. Mai 1945 wurde er in Brandenburg verwundet und geriet in sowjetische Gefangenschaft.

Die genaue Beschreibung der Ereignisse ermöglicht es heute noch – über 60 Jahre später – die vom Autor erwähnten Örtlichkeiten aufzufinden. Die auf kurzen Tagebuchstichworten beruhenden Aufzeichnungen wurden Ende 1946 nach Rückkehr aus sowjetischer Gefangenschaft begonnen und im Frühjahr 1947 abgeschlossen – ein Versuch des jungen Kriegsüberlebenden, die ihn ständig quälenden Kriegsbilder zu bannen. Die Berichte wurden nach Überprüfung durch die US-Militärregierung und der notwendigen »Papierzuteilung« im Frühjahr 1948 von einem Verlag in Offenbach als Buch unter dem Titel »TOTENTANZ BERLIN« veröffentlicht. Die Erstauflage war schnell vergriffen und es folgte keine Neuauflage, sei es wegen mangelnder Papierzuteilung, sei es wegen finanzieller Schwierigkeiten des Verlages. Dem Autor verschaffte jedoch das Honorar die Möglichkeit, ein Motorrad zu erstehen und damit Deutschland zu verlassen, um sich in Paris eine neue Existenz aufzubauen.

Erst in den sechziger Jahren entdeckte Colonel Tony Le Tissier während seiner Tätigkeit als Protokoll-Offizier der deutschen Besatzungszone das Buch, erkannte die Bedeutung dieses Augenzeugenberichts und ließ den Autor in Europa suchen. Er fand ihn als Journalist in Paris und arbeitete mit ihm zusammen, um die beschriebenen Kampforte mit ihm zu identifizieren und zu überprüfen. Le Tissier übernahm dann die Übersetzung des Buches ins Englische, stellte das Kartenmaterial und Annotationen zusammen und sorgte für die Herausgabe in England und Amerika, wo das Buch in insgesamt drei Auflagen erschien.

Warum war eine Verbreitung in Deutschland trotz aller Bemühungen bisher nicht möglich? Erst jetzt, 2009, 60 Jahre nach der Erstveröffentlichung, nachdem die Zeitgenossen des Autors verschwunden sind, wo nur wenige Militärexperten an Einzelheiten der Kriegsführung interessiert sein dürften, wird wieder der Versuch einer Neu-Auflage gemacht. Welches waren die Erfahrungen der deutschen Kriegsjugend während des Zweiten Weltkrieges? War es wirklich eine allgemeine Hitler-Begeisterung, war es Vaterlandsliebe und Pflichttreue, oder der Glaube an »den Endsieg«, den die meisten schon verloren hatten, der sie kämpfen ließ? War es nicht vielmehr ein eisernes Muss? Oder die Angst vorm Erhängen am Laternenpfahl, die die wenigen Hitler-Anhänger ihnen einzujagen wussten?

Der ursprüngliche Augenzeugenbericht wurde ergänzt und illustriert anhand von Fußnoten, Karten, Anlagen und Fotos. Sie belegen die Authentizität des Berichts im Licht der Geschichte: Die packende Beschreibung erhält dadurch Verbindung mit Ereignissen, von denen der Autor als einfacher Soldat keine Kenntnis haben konnte. Sie dokumentiert den Verfall einer Weltstadt während der letzten fünf Wochen vor der Kapitulation Berlins am 3. Mai 1945.

Gilles Altner
Tony Le Tissier

im März 2009

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