Auszug

Montag, den 23. April 1945, morgens

Schweigend marschieren wir durch die Nacht, durch die schlafenden Dörfer. Auf der Straße sind die meisten Panzersperren schon geschlossen, auf den Gehwegen sind Steine ausgehoben. Minen liegen in der Gosse. Und warten auf ihre Opfer. Kein Laut stört die Stille. Nur der Schall unserer Schritte hallt von den Häusern zurück. Manchmal tritt ein Zivilist aus dem Dunkel einer Panzersperre und spricht uns an. Matt glänzen die Waffen in Mondlicht. Wir sind auf der großen Straße nach Berlin. Lichtenrade zieht vorbei, Mariendorf. Wir sind im Bannkreis der Stadt. An der Straße ragen Wohnhäuser hoch in den Himmel. Manchmal brennt trübe ein Licht. An den Haustüren stehen einige Bewohner. Schrecken zurück, als unsere Schritte laut an die Häuserwände schlagen. Atmen dann auf, es sind Deutsche.

Wolkenfetzen jagen über den Himmel. Rechts zieht sich der Flugplatz Tempelhof. Nur müde kommen wir vorwärts. Die Straße scheint wie ein endloses Band.
Auf der Straße leuchten gelbe Wagen der BVG.7 Wir halten. Langsam steigen wir in die Wagen. Der Mond bricht durch die Fenster. Ein Plakat ruft zum Sterben auf. Zur Verteidigung Berlins. Durch Frauen, Kinder und Greise.

Ich krame in meinen Manteltaschen nach Brot. Hungrig esse ich ein paar Krümel. Boy sitzt neben mir und schaut in die Nacht. Das Mondlicht läßt unsere müden Gesichter erkennen. Der Kopf fällt herab. Aber man ist so müde, daß an ein Schlafen gar nicht zu denken ist. Es ist ein Taumel der Erschöpfung.

Der Leutnant geht vorbei und klopft ans Fenster. Weiter. Schritt für Schritt verschluckt uns die Dunkelheit. Wir gehen dicht an den Häusern. Hinter uns stehen leuchtend die Wagen der Straßenbahn. Irgendwo ächzt eine Tür, ein Kind weint auf. Der Strahl einer Taschenlampe zerschneidet sekundenlang das Dunkel.

Vor uns blinken zwei Kerzen trübe in der Nacht. Der Wind rauscht in den dürren Ästen. Wir halten und warten. Dann steigen wir die Stufen eines Luftschutzbunkers hinab. Wohlige Wärme schlägt uns entgegen. Im Bunker ist alles dicht gedrängt voll. Zwei Lampen verbreiten spärliches Licht. Männer, Frauen, alle sitzen mit müden Gesichtern auf ihren Sachen.
Trotzdem fühlen sie sich hier behaglich. Denn oben hängt die Betrübnis einer dunklen Aprilnacht mit Drohung und Ungewißheit auf der Straße.

In den Augen der Menschen steht Staunen. Sie blicken uns an, als wären wir Gespenster. Dachten sie doch, der Russe wäre so weit, daß sie am Morgen die Angst hinter sich hätten. In den Augen mancher steht Furcht. Aber auch Haß. Haß auf uns, die wir noch weiterkämpfen. Haß auf uns, die wir noch nicht die Fesseln der Pflicht abgestreift haben. Scheu rücken sie zur Seite und machen uns Platz. Die Kameraden fallen auf die Bänke und rollen sich auf dem Steinfußboden zusammen. Ich liege auf einer Bank. Der Tornister drückt unter dem Kopf. Die Beine sind steif. Der Schädel dröhnt, als wolle er zerspringen. Wir treten bald wieder hinaus. Im Bunker bleiben die Menschen zurück. Schlafen, warten, hoffen! Fröstelnd stehen wir auf der morgenfrischen Straße. Trübe hängt die Dämmerung. Die Straße liegt im Zwielicht des Morgens. Wir schleppen uns weiter. Wir sind in Berlin. An der Straße stehen Ruinen der Bombennächte. Die Fassaden ragen steil in den Himmel. Manchmal huscht ein Mensch über die Straße, um wieder schnell zu verschwinden.
Ich gehe neben Boy und Stroschn. Weit vor uns läuft der Leutnant. Hinter uns tappen unsichere Schritte. Der Feldwebel geht vorbei und spornt an. Wir tragen noch immer unser volles Gepäck. Von der zweiten Garnitur bis zum letzten Taschentuch. Die Welt stürzt ein, der Krieg ist verloren. Aber wir tragen unser volles Gepäck.

Wir halten wieder an. Wir sind weniger geworden. Nur noch mit letzter Kraft tragen wir unsere Körper voran. Wir halten mit Boy Umschau nach einem Handwagen, um unser Gepäck zu transportieren. Hinter der Fassade eines ausgebrannten Hauses steht ein Karren auf Schutt und Geröll. Wir schieben ihn auf die Straße und legen unser Gepäck in den Kasten. Als würden wir schweben, geht es nun voran.

Die Zeit rückt weiter. Unerbittlich geht es zur letzten Stunde. Von Süden kommt eine Gruppe Frauen. Männer hasten eilig über den Damm, scheu um sich blickend. Patrouillen der SS fahren mit Autos durch die Straßen, um hier einen Mann anzuhalten und dort einen aufzuladen. Mit singendem Motor rollt der Wagen davon. Volkssturm, hier meist in Uniform der SS, schließt die Panzersperren. Hitler-Jugend läuft stolz mit Panzerfäusten herum. Rechts liegt ein großer Platz. Gesäumt von Fassaden ausgebrannter Häuser. An einem Straßenpfahl stehen zwei SA-Männer in Uniform. Ein Zivilist hängt gefesselt am Pfahl. Um seinen Hals laufen rote elektrische Kabel, die tief in das Fleisch eingeschnitten haben. Das Gesicht ist blau. Die Augen hängen tief in ihren Höhlen. Um seinen Hals hängt ein weißes Schild aus Pappe. Mit roter Schrift steht darauf in zittrigen Zügen; »Ich Otto Meyer, war zu feige, für Frau und Kind zu kämpfen. Deshalb hänge ich hier. Ich bin ein Schweinehund.« Ich habe ein Würgen im Halse.
Ich möchte wegsehen und kann den Blick doch nicht lösen von diesem schrecklichen Schauspiel. Die SA-Männer lachen und rauchen. Langsam schwankt der Tote im Wind. Ein Zivilist, der neben uns geht, erzählt mit leiser Stimme, weshalb der Soldat gehängt worden ist. Er kam zurück wie wir. Müde und abgekämpft entrann er dem Toben der Schlacht und dem Kessel vor den Toren Berlins. Er war jung. Seine Frau bat ihn, zu bleiben. Er gab nach. Hausbewohner verrieten ihn. SS holte ihn ab. Und vor den Augen seiner entsetzten Frau, vor den Augen seines Kindes wurde er gemordet. SS gab ihm grinsend den Text. Dann wurde er hochgezogen. Die Drähte schnitten in den Hals und töteten ihn bald. Die Frau lag ohnmächtig am Boden. Die SS fuhr ab. Die SA-Männer stellten sich auf. Ein Mensch war gerichtet. Gerichtet? Gemordet! Und das Leben floß weiter an dem Toten vorbei. In die Mienen der vorbeigehenden Menschen hat die Verzagtheit über die Sinnlosigkeit des Kampfes und die Angst vor den Schergen des stürzenden Regimes tiefe Spuren gegraben.

Und bis ins Innere getroffen marschieren wir weiter. Vor uns kreuzen die Straßen. Links liegt der Eingang der U-Bahnstation »Belle-Allianz-Platz«, die Schilder leuchten in ihrem vertrauten Blau. Wir lassen den Wagen vor dem Eingang stehen und warten auf die Nachzügler. Dann gehen wir langsam die Stufen hinab. Ganz langsam, fast feierlich. Wir wollen das Gefühl ganz auskosten, Berlin erreicht zu haben.

Auf dem Bahnsteig stehn die Menschen wie Mauern. Der Zug läuft ein. Eine schmale Gasse öffnet sich. Wir treten in die Wagen und setzen uns auf unser Gepäck. Die Türen rollen zu. Der Zug fährt an. Vertraute Melodie. Die Lampen der Schächte huschen vorbei. Die Stationen ziehen vorüber. Menschen kommen und gehen. Wir steigen um. Laufen durch den einen langen Tunnel. Wir sind im Mittelpunkt der Stadt, Leipziger-, Ecke Friedrichstraße, ohne etwas davon zu sehen. Wieder drängen wir uns in den Zug. Wir passieren den Potsdamer Platz unterirdisch. Später bricht Tageslicht durch die Fenster. Hoch neben den Häusern rollt der Zug. Ruinen schauen in den Tag. Fern kreisen Tiefflieger und stürzen hinab. Irgendwo stehen Rauchsäulen am Himmel und Brände. Bald geht es wieder nach unten. Station auf Station zieht vorüber.

Das Tageslicht bricht durch. Der Zug hält an: »Ruhleben«. Wir steigen die Stufen herab wie alte Leute. Vor dem Bahnhof treten wir an, marschieren dann langsam durch die Straßen. Rechts läuft der Bahndamm, links leuchten die Kasernen. Die Bäume sind grün und schwer von Knospen. Die Wache, das Tor der Kaserne. Wir schwenken links. Einzeln gehen wir über die Schwelle. Das Tor rollt zu. Schwer klingt es in seinen Angeln. Wir sind zurück. Das Rennen mit dem Tode ist diesmal gewonnen.

Als wir vor vier Wochen – eine Ewigkeit scheint es her zu sein, ein Leben liegt dazwischen, eine Jugend – dieses Tor passierten, waren wir 150 Mann, Kinder, die in die Zukunft sahen. Heute kehren wir zurück. Wir sind noch 58 Mann.

[…]

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